Alsace, Elsass? Beides.
Das Land links vom Rhein sucht seine Rolle im französischen Staat.
Auf radio AGORA 105 I 5 kommen in dieser Podcast-Serie Elsässer:innen mit ihren Einschätzungen und Erzählungen zu Wort. Elsass, Alsace – Menschen, die zwischen den Stühlen sitzen, oft auch eingeklemmt.
Text und Sendungsgestaltung: Wolfgang Mayr
In der elsässischen Hauptstadt Straßburg, Strasbourg, sind einige europäische Institutionen angesiedelt. Im sogenannten Europaviertel befinden sich das Europäische Parlament, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, das Eurokorps und der Europarat. Doch Straßburg und das Elsass sind wenig europäisch, kaum hörbar mehrsprachig. Es dominiert die französische Staatssprache.
Elsässisch ist in Strasbourg kaum zu hören, wenn überhaupt. Genauso wenig in anderen elsässischen Städten. Elsässisch, eine Sprache am Rande. Ausgegrenzt, manchmal nur noch eine Fußnote. Dabei blüht das Alemannische bei den badischen und schweizerischen Nachbarn. Vital für die Zukunft.
1976 erschien im linken deutschen Verlag Wagenbach das Buch „Elsass – Kolonie in Europa“. Eine linke Abrechnung mit dem französischen Nationalismus und Zentralismus. Der Autor mit dem Pseudonym „Jean“ sprach von den „Indianern Europas“ und verknüpfte die Geschichte Korsikas mit jener der Bretagne sowie der nördlichen Teile des Baskenlandes und Kataloniens in Frankreich. Eine Geschichte der Unterordnung, der Assimilierung und der Verdrängung.
Die damalige Anti-AKW-Bewegung dies- und jenseits des Rheins befeuerte einen linken Regionalismus im Elsass. Elsässisch wurde wieder hörbar, Autoren wie André Weckmann, die Musiker Jean Dentinger, Roger Siffer oder René Egles verwendeten und verwenden offensiv diese alemannisch-deutsche Mundart. Es entstand der René-Schickele-Kreis, benannt nach einem Schriftsteller, der sich als französischer Staatsbürger „elsässischer Nationalität“ empfand.
Das Elsass war bis 1648 eine Hochburg der damaligen deutschen Literatur, dann annektierte das französische Königreich das Elsass. Elsässisch blieb aber die „Volkssprache“, die Notabeln hingegen – das war europaweit so – passten sich an. Die Revolution von 1789 fegte mit ihren Slogans „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die regionalen Diversitäten hinweg, der französische Nationalstaat ging erbarmungslos gegen die Anderen vor.
Die Elsässer:innen wehrten sich, waren politisch aktiv, auch erfolgreich. 1940 annektierte Hitler-Deutschland nach dem Sieg über Frankreich das Elsass. Mehr als 100.000 Elsässer wurden zwangsweise in die Wehrmacht rekrutiert. Das Elsass wurde dem „Gau Baden“ unterstellt, die jüdische Bevölkerung deportiert und das KZ Struthof eingerichtet.
Die Nazis ließen das Französische verbieten, aber auch das Elsässische stand unter massivem Druck. Diese Geschichte prägte jahrzehntelang die Elsässer:innen. Sie grenzten sich vom Deutschen ab, aber auch vom Elsässischen. Der französische Staat ging rigoros gegen das Elsässische und das Deutsche vor.
Deshalb heißt Straßburg auch Strasbourg, Mühlhausen Mulhouse, Hagenau Haguenau, Zabern Saverne und Weißenburg Wissembourg. Das typisch elsässische Zentrum von Straßburg mit seinen Fachwerkbauten wurde „Petite France“ getauft. In Bozen würde nach dieser Logik die Altstadt „Piccola Italia“ heißen.
Elsass, eine französische Kolonie? Dort, wo es historische elsässische Straßennamen gibt, wie „Steingass“, steht darüber dominant „Rue de la Courtine“. Das ist durchgängig so.
Seit einem halben Jahrhundert fordert die René-Schickele-Gesellschaft ein zweisprachiges Elsass, Eltern drängen auf ein flächendeckendes zweisprachiges Bildungssystem, die Bürgerinitiative „Verband zweisprachiges Elsass“ plädiert für die Region Elsass. Weder das eine noch das andere war bis jetzt erreichbar.
Vielleicht tut sich jetzt etwas. Es gibt inzwischen die Europäische Gebietskörperschaft Elsass, aus der möglicherweise die Region Elsass werden könnte, sowie das öffentliche Amt für Sprache und Kulturzur Förderung des Elsässischen und des Deutschen. Aber all das findet meist auf Französisch statt. Auch im Elsass-Zentrum, der inzwischen fast verwaisten Zentrale der in die Jahre gekommenen Regionalist:innen. Der dazugehörende Verlag veröffentlichte gehaltvolle Bücher, mehr als 90 Prozent davon in französischer Sprache.
Ein seit Jahrzehnten erfolgreicher und hörbarer Gegenakzent ist das von Roger Siffer gegründete Théâtre de la Choucrouteriein Straßburg. Elsässisch, Deutsch und Französisch stehen dort gleichberechtigt nebeneinander. Eine überraschende Alternative in einem Staat, der laut Verfassung nur Franzosen kennt, regionale Autonomien ablehnt und trotz des Sitzes des Europarates in Straßburg weder die Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten noch die Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarates ratifiziert hat.